Die zersplitterte Muse

oder Zu viele Baustellen?

Eine Freundin warnte mich vor einiger Zeit, nachdem ich ihr enthusiastisch von all meinen Projekten und Ideen und Plänen erzählt hatte: „Pass auf, dass es nicht zu viele Baustellen werden!“ – Und sie hatte damit geradewegs ins Schwarze getroffen, den Nagel mit Schmackes mitten auf den Kopf quasi, sodass ich schließlich über das Für und Wider von mehreren Projekten, an denen man gleichzeitig arbeitet, nachdenken musste.

Ein zusätzlicher Anlass für die folgenden Überlegungen liegt in meinem Wesen begründet: Ich analysiere nicht nur meine Umwelt, sondern auch mich und mein Tun. Ausführlich! Und als ich neulich frustriert vor meiner Kaffeetasse saß, unfähig, mich aufzuraffen und mich auf nur eines meiner Vorhaben zu konzentrieren, hatte ich plötzlich das Gefühl, meine Muse sei zersplittert. Die tanzte, während ich in meine Tasse glotzte, auf verschiedenen Hochzeiten gleichzeitig, hüpfte hin und her und blieb nie länger als eine Minute an einem Gedanken hängen.

Das Problem dabei: Ich hatte diese Stunden extra reserviert für mein eigenes Schreiben. Und nun wusste ich mit einem Mal nicht, womit ich anfangen soll. Welche der vielen Baustellen möchte ich denn jetzt beackern? Ich weiß, dass es vielen Kreativen ähnlich geht. Neben meiner Kaffeetasse sitzt ein Musiker. – Auf Kommando kann man Vieles, zum Beispiel in die Hände klatschen, eine Torte werfen oder am Fließband Sandwiches mit Schinken belegen. Aber kreativ sein? Geht nicht immer.

Immerhin führte meine Unfähigkeit, mich zu entscheiden, zu diesen Pros und Kontras:

Was für mehrere Baustellen spricht:

Wenn mir zu einem Projekt nichts einfällt oder der Sinn nicht danach steht, kann ich mich einem anderen widmen. Ich verschwende dabei keine Zeit. (Der Controller fände das vermutlich effektiv.) Manchmal braucht man eine Auszeit von einer Sache oder einem Thema, weil sich alles im Kopf verhakt hat, weil das Schreiben stockt und man zwei Stunden an einem Satz feilt, der nie gut wird. Da aber die kreative Energie immer vorhanden ist und in irgendeiner Form entweichen will, beginnt man einfach etwas Anderes, etwas Neues, und gelangt schließlich mit befreitem und abgelenktem Kopf an den Punkt, an dem man wieder an der liegen gelassenen Geschichte arbeiten kann. Zudem existieren zwischendurch immer Phasen, in denen ein Projekt so weit vorangeschritten ist, dass es seine Mach-mich-fertig-Fesseln um mich schlingt. – Also ist vielleicht alles in Ordnung.

Was aber nun dagegen spricht, sich zu viel gleichzeitig vorzunehmen:

… ist ganz klar die zersplitterte Muse. Wie oben beschrieben, teilt sich die Energie oder besser die Kreativität auf verschiedene Dinge auf und verliert so an Kraft. Man guckt dann verstört in seine Kaffeetasse und schreibt im schlimmsten Fall gar nichts oder einen Blogbeitrag. Und ist man beim Bodensatz angekommen, meldet sich am Ende noch das schlechte Gewissen und hebt ermahnend den Zeigefinger: „Ich wusste ja, dass du es zu nichts bringen wirst“, sagt es enttäuscht.

Ein (mögliches) Fazit:

Die eine perfekte Arbeitsweise gibt es vermutlich nicht und es existiert für jeden eine andere, eine eigene. Mein Weg orientiert sich eher an den Pro-Argumenten. Denn ein merkwürdiger Effekt, den viele anstehende Aufgaben und besonders auch Deadlines auf mich haben, ist ein Übermaß an neuen Ideen. Gerade, wenn ich nicht kann und darf, überfallen mich tausend neue Einfälle. Da hilft nur ein Notizbuch, um sie für später festzuhalten, denn vergessen kann und will ich sie nicht, und die Notizen genau dann hervorzuholen, wenn es hakt und hängt und stockt. – Eine dieser Ideen war dieses Blog. So habe ich letztlich ja doch etwas zustande gebracht, als ich grübelnd meinen Kaffee trank und diesen Beitrag ausbrütete.