Short Story: Susanne Thiele „Nenn mich Yoi“

Nenn mich Yoi

„Voxunron reonnh itk niyth renhkeqqiokon!“, sage ich zu dem steifgebügelten Hemdskragen.
An der Aussprache muss ich noch arbeiten.
Er sieht mich verständnislos an. Er ist verwirrt.
Sehr gut.
An der Energie, an der Tonlage, mit der ich diesen oft geübten Satz hervorgebracht habe, musste er erkennen, dass es sich um eine Anklage handelt. Das einstudierte, mitleidige Lächeln findet den Weg nicht zurück in sein Gesicht. Ohne ein weiteres Wort verlässt er den Raum, verlässt mich, schließt die Tür von außen.
Er wird in sein Protokoll schreiben: Verdacht auf geistige Verwirrung. Dabei habe ich diese Worte gelernt, um eben dieser zu entgehen. Es war nicht vorgesehen, sie jemals vor einem homo securitatis auszusprechen.
Er teilte mir mit, dass ich in einen Briefwechsel mit einem Elternteil treten darf. Beiläufig, so dass ich es fast überhört hätte, sagte er: „In fünf Tagen ist die Verhandlung.“ Das machte mich wütend und ich konnte die Worte nicht zurückhalten.
Wem soll ich schreiben? Vor allem: Was soll ich schreiben?
Ich wähle….
Hm.
Ich nehme….
Schnell, schnell. Entscheiden sie sich.
Ich nehme Tür Nummer zwei.
Tür Nummer zwei?
Ja!
Gut. Gabi, bitte öffne Tür Nummer zwei!
Es ist …
Es ist … – ihr Vater! Ich gratuliere. Eine gute Wahl. Er zeichnet sich aus durch emotionslose Souveränität in jeglicher Hinsicht. Das Baujahr ist ein wenig veraltet. Aber ein Hauptgewinn ist er – ohne Zweifel.
Das Papier, das mir der Hemdskragen überlassen hat, und der Kugelschreiber starren mich bereitwillig an. Nun geht es um inhaltliche Fragen.
„Hallo Vater …“ – Nein!
„Lieber Vater …“ klingt besser.
„Lass nur niemanden zu tief in dich hineinblicken“, hat mir mein Großvater einmal geraten, der, vor dem ich diesen Rat nie – tatsächlich nie – umsetzen konnte.
Heute denke ich, er wusste, wovon er sprach.
Soll ich den Umschlag selbst falten?
„Das Essen ist gut. Das Wetter auch.“
Das Essen schmeckt scheußlich und vom Wetter bekomme ich nichts mit.
„Die Leute hier behandeln mich, wie es sich gehört. Anständig.“
Diese steifen, seelenlosen, gut bezahlten Zinnsoldaten behandeln mich wie ein Stück Vieh – im Schlachthof. Sie haben mir eine Nummer gegeben. Nicht zufällig ist das die gleiche Nummer, die an meiner Verliestür steht. Ich bin 2-23.
2-23, mein Name. Sehr erfreut.
2-23, heute ist das Klosett dran. Mach es ordentlich, sonst darfst du gleich noch mal.
Nach meinem System habe ich die Wahl zwischen E-Ei, E-Ed, E-Ci, E-Cd, C-Ei, C-Ed, C-Ci, C-Cd. Es muss schon etwas mit einem Vokal sein. Ein Name, der nur aus Konsonanten besteht, ist kein Name, sondern eine Bezeichnung – wie 2-23.
Ich nenne mich C-Ei.
Falsch! Nach meinem System wird daraus Y-Oi. Ausgesprochen wird es [dʒɔɪ]. Das ist lustig.
Festlegung zur Geburt: Mein Sohn, der stattliche kleine Wurm, soll Yoi heißen, das wie das englische joy gesprochen wird. Ich wünsche das so.
„In fünf Tagen ist meine Verhandlung.“
In fünf Tagen werden sie über mich richten. Sie werden mich der Landflucht bezichtigen, womit ich gegen irgendein Gesetz verstoßen habe. Und wenn dieses Gesetz nicht existiert, werden sie es schnell schreiben. Mein steifgebügelter Hemdskragen sagte, er tue, was er kann. Doch in seinem Lächeln erkannte ich Verachtung.
Sie werden mich verurteilen zu fünf Jahren Zuchthaus. Damit läge ich im unteren Bereich der dafür üblicherweise verhängten Jahre. Weil ich nur ein kleines Licht bin.
Jetzt aber haben sich die Dinge gewendet. Vielleicht bekomme ich fünf Jahre Anstalt wegen geistiger Verwirrung. Fünf Jahre elektronische Erfahrung und am Ende ein Hirn aus Brei.
„Werdet Ihr kommen? Mutter und Du?“
Werdet ihr euch ansehen, wie sie mein Urteil auf die Ostraka schreiben?
„Richte Mutter bitte liebe Grüße von mir aus.“
Ich kann das nicht.
Ich kann solche Briefe nicht schreiben.
Ich werde jetzt schlafen. Und morgen werde ich erwachen und feststellen, dass alles nach wie vor kein Traum ist.

 

Ich habe nicht gut geschlafen. Bei Neonlicht schläft es sich schlecht. Aber Neonlicht benötigt die Kamera, damit sie etwas sieht, damit der Mann am Joystick etwas sieht.
Denken sie daran: Wenn sie ein Haus bauen, brauchen sie Fenster. Um die heimische Produktion zu unterstützen, wählen sie die Fenster des Betriebes „Glas und Rahmen“. Danke.
Als ich von der Zählung und der gemeinsamen, testosteronhaltigen Dusche zurückkomme, steht auf meinem Tisch das Frühstück und fehlt auf meinem Tisch der Brief, der einer werden wollte.
Der mir zugewiesene Betreuer, der Security-Mann Richter, hat ihn vermutlich als fertig erachtet. Immerhin. Er hat Kompetenzen, die ich ihm nie zugesprochen habe. Dazu gehört auch, mir mit Blicken zu bedeuten, welches Ausmaß an Schrecklichkeit mein Verbrechen angenommen hat, damit ich mich nicht länger der Einsicht verweigere, dass es seiner Sanktionierung würdig sei.
Doch. Ich weigere mich. Ich sagte es bereits: „Voxunron reonnh itk niyth renhkeqqiokon!“ – Ihr könnt viel, aber das nicht.
Wenn ich meinem Vater nun in dieser Sprache einen Brief schriebe?
Er könnte den Code nicht knacken. Seine Welt ist nicht die Sprache, sondern die der Hände. Hände, die Stein für Stein aufeinander setzen.
Vermutlich würde so ein Brief ihn nie erreichen.
Ein homo potens hat das Vorrecht, sich die Haare darüber zu raufen.
Mein steifgebügelter Hemdskragen steht vor mir.
„Wir werden …“, er räuspert sich.
„Sie werden sie gehen lassen, ohne polizeilichen Vermerk gehen lassen. Unter der Voraussetzung, dass sie sich der gegenwärtigen Produktionslage anpassen. Treten sie in die Fußstapfen ihres Vaters. Beteiligen sie sich am Aufbau. Natürlich müssten sie sich einmal wöchentlich in dem dafür zuständigen Amt melden.“
Er lächelt verlegen über seine Großzügigkeit.
„Warum?“
„Richter Braun hat ihre Akte studiert. In Anbetracht der Umstände…“, er räuspert sich, „…hat er dem Staatsanwalt diese Regelung nahegelegt.“
Es ist ihm unangenehm. Das spüre ich ganz deutlich.
Was geht hier vor?
„Was heißt in Anbetracht der Umstände?“
Er schüttelt den Kopf. „Wenn sie zustimmen, können sie morgen gehen.“
„Gut.“

 

Ich habe nicht gut geschlafen. Bei Dunkelheit schläft es sich schlecht. Punkt 22 Uhr wurde gestern das Neonlicht abgeschaltet. Der Lüfter übrigens nicht, der mir auf einmal, nicht mehr vom Surren der Lampe übertönt, grausam laut erschien. Auch die Kamera rührte sich nicht, als ich mich in Richtung Toilette tastete.
Ich packe nach dem Frühstück meine Sachen. Das nimmt nicht viel Zeit in Anspruch, denn nur die Zahnbürste ist mein Eigentum. „In der Untersuchungshaft wird dir alles abgenommen. Das bekommst du erst wieder, wenn sie dich freilassen“, hat der knittrige, blutende Mann gesagt, der vor drei Wochen neben mir am Empfang stand.
Meine Kleidung hat mir der Richter bereits gebracht, dass ich mich umziehen kann. Er sah irritiert aus, als ich ihm einen guten Morgen wünschte. Erwartete er Demut für die mir zuteil gewordene Gnade?
Als mein Hemdskragen mich abholt, bin ich seit einer Stunde fertig. Gekämmt mit den Fingern, gebügelt mit den Händen, die Zahnbürste mit den Borsten in Blickrichtung in die Brusttasche gesteckt.
Beim Hinausgehen läuft er neben mir, beinah wie ein Arzt, der seinen schwierigsten Patient aus dem Krankenhaus entlässt.
„Was war das, was sie neulich zu mir gesagt haben? Mit dem Fox – sie wissen schon.“
Ich lächle.
„Ich sagte: Voxunron reonnh itk niyth renhkeqqiokon!“
„Ich weiß. Aber was soll das bedeuten?“
Ich lächle.
Als wir das Tor passiert haben und uns die Hand geben, halte ich seine noch etwas länger und sage:
„Das heißt: Gedanken könnt ihr nicht kontrollieren!“
Während er verwirrt stehen bleibt, steige ich, noch immer lächelnd, in das Taxi.
„Hallo. Ich bin Yoi und wohne …“

 

Nachtrag: Dies ist die Kurzgeschichte oder, besser gesagt, die Kürzestgeschichte, mit der ich anno 2003 in der Endrunde eines Jungendkunstwettbewerbs landete und die ich vor gefühlt 250 Zuhörern, tatsächlich waren es wohl nur ca. 40, mit zittriger Stimme und schweißnassen Händen vorgelesen habe. Zum Glück hatte ich ein Mikrofon …