Kurzgeschichte: Susanne Thiele „Neben mir“

Neben mir

Im Sommer, als der Boden gefroren war, installierte Herr Bronski, mein Nachbar, eine Rotlichtlampe über einem Stück Erde.
Zuerst kam er mit einer Kabelrolle in der Hand aus dem hinteren Kellerausgang des Reihenhauses, in dem er gemeinsam mit Frau Bronski lebte, und rollte auf seinem Weg zu dem vor Kälte starren Beet das Verlängerungskabel Schritt für Schritt behutsam ab. An seinem Ziel, dem ausgewählten Stück Erde angekommen, stellte Herr Bronski die nun deutlich schlankere Kabelrolle auf dem angrenzenden Rasen ab und lief zurück in den Keller. Wenige Sekunden später tauchte er mit einem kleinen Hocker aus massivem Holz aus den Kellertiefen wieder auf und brachte den Schemel an seinen neuen Standort neben die Kabelrolle. Darauf ging er eilig zum Haus zurück und holte die Rotlichtlampe heraus. Das Fabrikat erkannte ich sofort, da sich die gleiche Lampe in meinem Kleiderschrank befindet.
Herr Bronski schob nun mit seiner linken Hand den Holzhocker an den Rand des ausgewählten Erdstückes und stellte mit der rechten Hand die Rotlichtlampe darauf ab. Er positionierte sie am Rand der Sitzfläche, doch weit genug in der Mitte, dass ihr Fuß noch sicher stand und die Lampe weder wackelte noch herunter fallen konnte. Dann steckte er ihren Netzstecker in die passende Anschlussdose an der Seite der Kabelrolle. Ein roter Lichtkegel richtete sich jetzt auf den Erdboden. Zur genaueren Justierung verschob Herr Bronski den Fuß der Lampe um zwei Zentimeter zur Seite – das Hockerpodest stand bestens da, wo es stand – und senkte ihren Kopf, dessen eingeschränkte Beweglichkeit nur zwei Richtungen, hoch oder runter, zuließ, durch vorsichtiges Antippen. Zufrieden mit dem Ergebnis ging Herr Bronski in die Hocke und starrte gedankenverloren auf die rot beleuchtete Erde.
Die Zielgerichtetheit seiner Unternehmungen, deren Gewissenhaftigkeit, auch die Gewandtheit bei der Ausführung der einzelnen Arbeitsschritte folgten offenbar einem wohl durchdachten Plan. Herr Bronski hatte vielleicht, nachdem er von dem gefrorenen Boden erfahren hatte, mit einer Tasse frisch gebrühten Kaffee an seinem Küchentisch gesessen und jeden einzelnen Handgriff genau bedacht. Er hatte sich vermutlich das gewünschte Ergebnis vorgestellt, abgewogen, was dafür zu tun sei und welche Gegenstände dafür benötigt werden, und schließlich mit der Kaffeetasse am Mund den tatsächlichen Ablauf in Gedanken durchgespielt. Er hatte anschließend alle Vorbereitungen getroffen: die Kabelrolle aus der Garage geholt, einen geeigneten Hocker im Haushalt gesucht, beides, die Kabelrolle und den Hocker im Keller abgestellt und zuletzt ein kurzes Gespräch mit Frau Bronski über die nicht zweckgemäße Nutzung ihrer Rotlichtlampe geführt.
Jeder Schritt, jede Handbewegung vermittelte den Eindruck einer hintergründigen Absicht, schien Element eines noch nicht sichtbaren, aber allmählich zutage tretenden Resultats zu sein. Doch am Ende seiner Bemühungen hockte Herr Bronski in seinem Garten und starrte auf die rote Erde.
***
Ich traf Herrn Bronski, meinen Nachbar, im Supermarkt, einem großen Supermarkt, zentral gelegen, mit einer reichen Auswahl an Lebens- und Nichtlebensmitteln. Herrn Bronski bemerkte ich, als wir unsere Einkaufswagen im Gang für Frühstücksbedarf aneinander vorbei schoben, er links, ich rechts, vorbei an Marmeladen, Pflaumenmus und Honig links, an Müsli, Cornflakes, Toastbrot rechts. Ich nickte ihm grüßend zu und bog am Ende des Korridors ab.
Herr Bronski erschien im nächsten Gang, als ich gerade mit der Auswahl einer geeigneten Pasta beschäftigt war. Er stellte seinen Wagen an den Rand des Regals, begab sich vor die Tütensuppen- und Saucenparzelle und begann, die Beschriftung der Verpackungen zu studieren. Hier und da pickte er sich eine grüne oder eine gelbe Tüte aus dem Regal und las die rückseitigen Angaben. Dann sortierte er die jeweilige Packung wieder an ihren Platz und wählte die nächste aus.
Nach etwa sieben gelesenen Tütenrückseiten griff Herr Bronski in die Innentasche seines senffarbenen Blousons und holte eine flache, metallene Flasche heraus. Ohne sich umzusehen, öffnete er sie, trank einen Schluck, verschraubte den Verschluss und verstaute den Flachmann wieder in seiner Jackentasche. Darauf zupfte er aus der rechten Hosentasche ein Stofftaschentuch, tupfte sich damit den Schnurrbart ab, faltete es einmal mit der befleckten Seite nach innen und schob es zurück in die rechte Hosentasche. Dann besah er sich noch einmal die grünen und gelben Tüten im Regal, ging dabei zwei Schritte nach links und schließlich zurück zu seiner Ausgangsposition.
Nach einer kurzen, wenige Sekunden dauernden Pause, während der sich Herrn Bronskis Blick an einer ausgewählten grünen Verpackung verfing, griff er in die Brusttasche seines weißen Hemdes und entnahm ihr ein kleines, schwarzes Notizbuch sowie einen Einwegkugelschreiber mit blauer Verschlusskappe. Er schlug das Notizbuch auf, indem er an dem losen Ende des grauen Lesezeichenbändchens zog und es vorsichtig nach oben bewegte, um die gewünschten Seiten voneinander zu trennen. Dann hielt er das Büchlein mit dem Daumen an der Falz geöffnet in der linken Hand, führte mit der rechten Hand den Einwegkugelschreiber zu seinem Mund, biss auf dessen blaue Kappe und zog den Stift aus ihr heraus.
Mit einer beeindruckenden Geschicklichkeit schrieb Herr Bronski rechtshändig etwas in das Notizbuch. Er führte zielsicher den Kugelschreiber in dessen Kappe ein, die ihm noch immer zwischen den Zähnen klemmte, und ließ ihn dort stecken. Im nächsten Schritt nahm Herr Bronski jene grüne Tüte aus dem Regal, an der sich sein Blick zuvor verfangen hatte. Er wendete die Tüte  und stellte sie nun mit der Rückseite nach vorn in die Reihe. Er zog den Kugelschreiber aus seiner Schutzkappe, sah auf die Tütenrückseite, notierte etwas, sah erneut auf die Rückseite und schrieb wieder etwas in das Notizbuch.
Als er diesen Vorgang an drei weiteren Saucen- und Suppenpackungen wiederholt hatte, schloss Herr Bronski das Notizbuch, indem er behände, den geöffneten Kugelschreiber zwischen Daumen-, Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand geklemmt, mit den Fingerspitzen das graue Lesezeichenbändchen zwischen den Seiten ablegte. Dann schob er den Kugelschreiber in dessen Kappe zwischen seinen Zähnen, lockerte den Kiefergriff und verstaute beides, das schwarze Notizbuch und den blauen Einwegkugelschreiber, in der Brusttasche seines Hemdes. Abschließend nahm er die bearbeiteten Verpackungen und stellte sie mit der Vorderseite zum Gang gerichtet ins Regal zurück.
Als Herr Bronski seinen Einkaufswagen vor sich her schiebend mein Blickfeld verließ, fiel mir auf, dass sich darin keine Lebensmittel befanden. Er war leer. Zuhause bemerkte ich, dass ich die Pasta vergessen hatte.
***
Im Winter, als die Sonne ein einsames, frühreifes Schneeglöckchen beschien, errichtete Herr Bronski, mein Nachbar, einen schützenden Zaun aus Fünfzig-Euro-Scheinen um die Pflanze herum.
Zuerst entnahm er der mitgebrachten, blauen Tragetasche vier lange Hölzer und ein altertümliches Taschenmesser. Dieses klappte er auf und begann das Ende des ersten Holzes zu bearbeiten. Er schnitzte Span um Span ab, so dass der Holzpfahl schließlich eine beachtliche Spitze aufwies. Diese Tätigkeit vollzog Herr Bronski auch an den restlichen drei Hölzern. Die Späne landeten dabei alle zielsicher auf einem Haufen.
Herr Bronski klappte das Taschenmesser zu, legte es zurück in die Tasche und zupfte aus ihr einen kleinen farblosen Frühstücksbeutel heraus, in den er nun Span für Span einsammelte. Als alle Späne verstaut waren, verschloss er die Plastiktüte mit einem langen, dottergelben Verschlussclip aus seiner Hemdstasche und verstaute die Spantüte in der blauen Tragetasche.
Dann nahm Herr Bronski einen Gummihammer heraus und hämmerte die vier Hölzer an vier Stellen um das kleine Schneeglöckchen herum tief in die Erde. Von meiner Position aus betrachtet, nebenan, bildeten die vier Pfähle die Eckpunkte einer nahezu perfekten quadratischen Grundfläche.
Herr Bronski legte den Gummihammer in die blaue Tragetasche zurück und holte aus ihr eine naturfarbene, dünne Wäscheleine mit einer begrenzten Länge hervor. Das eine Ende der Leine band er nun mit einem Doppelknoten in der Mitte des oberen Viertels des ersten Holzpfahls fest. Dann führte er die Leine zum zweiten Holz, straffte sie ausreichend, fixierte sie mit dem Daumen wiederum in der Mitte des oberen Viertels des zweiten Holzes und schlang die Leine mit genau einer Umrundung um den Pfahl. Dieses Verfahren wand er auch am dritten und vierten Pfahl an. Beim ersten wieder angelangt, umschlang er das Holz jedoch nicht gänzlich mit der Leine, sondern nutzte das kurze Ende, um die Bespannung mit einem Doppelknoten abzuschließen. Die naturfarbene Wäscheleine hatte jetzt einen sehr kurzen Überhang von etwa drei Zentimetern.
Herr Bronski überprüfte abschließend mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand die Standfestigkeit der kleinen Zaunpfähle, indem er den Finger oben auflegte und leicht zu wackeln begann. Zufrieden mit dem Testergebnis zog er einen braunen Ledergeldbeutel aus seiner Gesäßhosentasche und holte aus der Tragetasche ein weißes Plastikkörbchen mit kleinen Wäscheklammern hervor. Dann entnahm er seiner Brieftasche einen Fünfzig-Euro-Schein, knickte die schmale Seite mit dem silbrig schimmernden Sicherheitsstreifen über die Wäscheleine und befestigte den Schein mit einer kleinen, blauen Wäscheklammer aus dem Plastikkörbchen. Dies wiederholte er elfmal, so dass an jeder Seite des Quadrates schließlich drei Fünfzig-Euro-Scheine störrisch zu Boden hingen, schob seinen Geldbeutel zurück in die Hosentasche und schob das entleerte Klammerkörbchen in die blaue Tasche zurück.
Dann ging Herr Bronski in die Hocke und starrte gedankenverloren auf das kleine Schneeglöckchen.

Nachtrag: Dieses Triptychon habe ich 2011 geschrieben.