Rezension: Hans Boesch

Die Füße verloren, die Beine gekappt
Hans Boesch: „Der Sog“

Reize der Außenwelt überfluten tagtäglich die Sinnesorgane. Über Jahre gesehen, ist das eine Unmenge an Bildern, Farben, Gerüchen, Geräuschen, Gefühlen, Geschmackseindrücken und Worten. Reduziert durch Vergessen bleibt Markantes.
Verborgen wartet es – hinter Türen, in Kammern – bis neue Reize Assoziationen hervorrufen. Bilder und Worte, längst vergessen geglaubt, drängen sich in den aktuellen Denkprozess, erinnern an Vergangenes, verdichten sich zu Geschichten oder zu Sequenzen. Deren Lücken lassen sich oftmals nicht durch angestrengtes Nachdenken schließen, sondern durch etwas, das meist nur Kindern und Künstlern in ausgeprägter Form zugesprochen wird – der Phantasie.
Phantasie und Erinnerungen sind es, die die Schritte eines kleinen Jungen von vielleicht fünf Jahren durch ein ländliches Leben Ende der 1930er Jahre, durch eine Familie, durch ein ereignisreiches Jahr lenken. Simon heißt der Junge, und Simon heißt auch der Leser, der sich auf ihn einlässt.
Am Anfang von Hans Boeschs Roman „Der Sog“ war der Ort. Und der hieß „im Brunnen“. Dort lebt Simon mit seinem Vater Johannes und seiner Mutter Anna etwas abseits des Dorfes Salez im schweizerischen Rheintal. Dort lebt er in einem lädierten Quadrat – „die Füße verloren, die Beine gekappt“ – wie jenes, das er auf einer Betonplatte vor dem elterlichen Haus wiederfindet, dem „die Ecke abgetrennt worden war“. Dort lebt er mit einer Mutter, deren Idealbild eines Mannes von dem Nazi-begeisterten Kurattli erfüllt wird, nicht aber von Simons Vater, dem Bannwart, denn „Männer sind nicht so. Ein Mann weint nicht. Der ist ruhig; sicher ist er.“
Ganz versunken in die kindliche Wahrnehmung begleitet der Leser den Jungen auf seinem Weg durch die Ereignisse, lernt nach und nach und immer deutlicher seine Lebenswelt kennen, entdeckt mit ihm die Egge, auf der Simons Großeltern, seine Großtante sowie die Brüder und manchmal auch die Schwester seiner Mutter leben, begleitet ihn durch Erinnerungen, vermag die Zusammenhänge immer mehr zu begreifen.
Erinnerungen laufen nicht chronologisch ab. Bruchstücke tauchen auf, werden fallen gelassen, weiterverfolgt. Doch man möchte sich mit erinnern, möchte wissen, zu welchem Ganzen sich die Teile fügen, weil nichts nur aus Zufall geschieht – auch nicht das Auftauchen von Erinnerungsschnipseln.
Schuld daran ist Boeschs Erzählweise. Wie ein Sog zieht sie den Leser von einem oberen Breiten aus verwobenen Einzelteilen nach unten in die Tiefe – mit einer Sprache voller bunter und unbunter Farben, voller Geometrie und Symbolik. Auf einmal vergisst man alle erwachsenen Wertmaßstäbe, wie „gut“ und „schlecht“, hört auf, die Erlebnisse zu kategorisieren, weint und lacht zugleich.
Was bleibt, ist das Bild einer Kindheit, geprägt durch einen familiären Schicksalsschlag, durch Bedrohungen von außen und von innen, aber auch geprägt durch einen Vater, der liebt, von dessen Menschlichkeit man vorwurfslos gerührt ist, der hilft, eine Lawine zu überstehen, die niederstürzt wie ein Wasserfall – vielleicht auch wie ein Weltkrieg.
Und am Ende ist wieder der Ort und das lädierte Quadrat und die Erkenntnis, dass Schneeflocken, die ins Wasser fallen, vergehen und auch immer vergehen werden, denn „was aus dem Wasser kommt, will ins Wasser zurück.“

Hans Boeschs „Der Sog“ ist der erste Teil der Simon-Mittler-Trilogie. Ihm folgten „Der Bann“ (1996) und „Der Kreis“ (1998).

Hans Boesch: Der Sog
Nagel & Kimche (1988)