Buchtipp: Thomas Hürlimann

Nomina ante res ! oder Philosophie und Dessous
Thomas Hürlimanns Novelle „Fräulein Stark“

Buchtipp Thomas Hürlimann Fräulein Stark

Da schleicht sie wieder auf samtigen Filzpantoffeln, streicht den Besucherinnen der heiligen Hallen um die Beine, wachsam, mit allen Sinnen gespannt – die Katze.
Sie ist ein pubertierender Junge, ein Erzähler, der an der Schwelle zum Erwachsenwerden vor seinem Eintritt in die Klosterschule einen letzten Sommer bei seinem Onkel, dem Stiftsbibliothekar und Prälaten Jacobus Katz, in dessen „Bücherarche“ verbringt. An Bord dieses Schiffes, das den Jungen in einen neuen Lebensabschnitt bringt, befindet sich auch die Titelfigur und Haushälterin des Onkels, Fräulein Stark.
Ein seltsames Paar, der Präfekt und die Stark. Während sie die Hosen anhat, trägt er lieber Glockenröcke. Der geistliche Katz, der nicht nur seinen Körper unter der Soutane verbirgt, ist ein auch den weltlichen Genüssen, dem sogenannten Nunu-Zeug, zugetaner Gelehrter, der die erzieherische Aufklärung seines Neffen mit Begriffen wie „Vernunftspermien“ absolviert. Nomina ante res ! – Das ist sein Motto. Das Fräulein Stark hingegen ist eine erzkatholische, streng fromme Analphabetin aus dem Appenzeller Land, „eine schlichte Variante“, wie der Onkel sagt – oder doch nicht? Sie ist es auch, an der sich der Junge misst, mit der er kleine Kriege führt, an der er sich orientiert. Der nepos praefecti, der Neffe des Präfekten, hat an Bord der Arche eine Aufgabe. Er ist „Pantoffelministrant“, muss dafür sorgen, dass jeder Besucher und vor allem auch jede Besucherin die passenden Filzpantoffeln über die Schuhe gezogen bekommt, um den Parkettboden der „barocken Bücherkirche“ vor den harten Absätzen zu schützen. Und so entdeckt er nicht nur die Welt der Bücher, sondern auch die der Frauen und die Vorzüge eines Taschenspiegels und einer Brille.
„Ihr Neffe ist ein kleiner Katz, da müssen wir besonders aufpassen“, sagt das Fräulein Stark und weckt damit in dem Jungen das Interesse für seine Herkunft. Er recherchiert, unterstützt von den Hilfsbibliothekaren, was es mit dem Namen seiner Mutter und des Onkels auf sich hat, der derart verflucht zu sein scheint, dass er nur geflüstert, ja gehaucht wird. Und so thematisiert Hürlimann auf leisen Pfoten die jüdische Abstammung des Jungen und den hinter der Hand versteckten Antisemitismus in der Schweiz – genauer im St. Gallen – der 1960er Jahre.
Ironisch und amüsant schildert er die Zwiespälte der einzelnen Hauptfiguren, immer aus der Sicht des adoleszenten Erzählers – allen voran den Kampf des angehenden Klosterschülers mit dem kleinen Katz in unausgesprochen-religiöser wie sexueller Hinsicht. Er zeigt Typen, wie die Altherren am Stammtisch, und baut auf dem autobiographischen Hintergrund eine fein ausgeklügelte Fiktion. Und wie „Dessous“, mit denen die Familie Katz eine Zeit lang ihr Geld verdiente, etwas „darunter, Unterteil, Unterwäsche“ bedeutet, so spielt auch Hürlimann mit dem Darunter der Worte. So ist eine Nase eben nicht nur eine Nase und ein(e) Katz(e) eben nicht nur ein(e) Katz(e). Und das Fräulein Stark ist stark und der Appenzeller hat eine Mundnarbe und Kant hat den Strumpfhalter erfunden.
So kann man sich nur den letzten Worten des Erzählers anschließen: „pulcher et speciosus! Finis.“

Nachtrag: Die Novelle erschien 2001 im Ammann Verlag. Nachdem Egon Ammann 2010 seine Verlagstüren geschlossen hatte, ist das Buch nun sowohl als Ammann-Hardcover als auch als Taschenbuch im Fischer Verlag erhältlich.

Thomas Hürlimann: Fräulein Stark
Ammann (2001)